Niko Härting unterhält sich mit Klaus Stöhr über Langzeitstrategien bei der Corona-Bekämpfung, Inzidenzen und die Gefahr vor Mutationen.

Niko Härting unterhält sich mit Klaus Stöhr über covid-strategie.de – eine neue Initiative für eine Langzeitstrategie bei der Corona-Bekämpfung, bei der Stöhr eine federführende Rolle einnimmt. Stöhr kritisiert die zu starke Ausrichtung der Corona-Politik auf „Inzidenzen“. Er ist der Überzeugung, dass es besserer Kompromisse bedarf zwischen den gesundheitlichen Auswirkungen einer Erkrankung, den Kollateralschäden für andere Gesundheitsbereiche, für die Gesellschaft und den Einzelnen durch die verordneten Maßnahmen, die wirtschaftlichen Effekte und notwendigen freiheitlichen Einschränkungen zu finden.

Klaus Stöhr mahnt, stärker auf die Erfahrungen mit vergangenen Pandemien und mit anderen Coronaviren zu vertrauen. Ob durch eine Impfung oder auch durch die Immunisierung von Menschen, die bereits mit dem Virus infiziert waren: Dass das Virus hierzulande heimisch – endemisch – wird, sei sicher. Daher gehe es nicht darum, das Virus aus Deutschland oder Europa zu verbannen, sondern Wege zu finden, mit dem Virus zu leben und Schäden in allen Lebensbereichen gering zu halten. Klaus Stöhr hält es zudem für verfrüht, da nicht evidenzbasiert, vor den Gefahren einzelner „Mutationen“ zu warnen. Es sei völlig normal, dass ein Virus zahlreiche „Varianten“ entwickelt, und die Entwicklungen in Großbritannien und Irland ließen nicht darauf schließen, dass mit den von vielen befürchteten verheerenden Konsequenzen zu rechnen sei.

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Prof. Dr. Klaus Stöhr

Der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr war bis 2007 Leiter des Global-Influenza-Programms und SARS-Forschungskoordinator der WHO. Stöhr studierte Epidemiologie und Veterinärmedizin an der Universität Leipzig, wo er 1985 sein Diplom erlangte. Von 1984 bis 1987 war er dort Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Von 1987 bis 1991 arbeitete er am Institut für Epidemiologie und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten an den früheren Standorten Wusterhausen und Tübingen des heutigen Friedrich-Loeffler-Instituts. Von 1989 an leitete er die Abteilung für Infektionskrankheiten.

1992 wechselte er zur Weltgesundheitsorganisation (WHO), wo er in der Folge verschiedene Positionen im Bereich Übertragbare Krankheiten innehatte. Von 2001 bis 2004 war er Projektleiter des Globalen Influenzaprogramms der WHO. Im Jahr 2003 war er Koordinator für SARS-Ätiologie, -Diagnose und -Behandlung. Anfang 2007 gab er seinen Posten bei der WHO auf und wechselte in die Impfstoffentwicklung bei Novartis in Boston.