Am 11. September 2026 war es wieder so weit: Der 7. IT Juristinnentag fand in Berlin statt – erneut initiiert und organisiert von Marlene Schreiber (HÄRTING Rechtsanwälte) und Nina Diercks (Anwaltskanzlei Diercks). In den Kanzleiräumen von HÄRTING Rechtsanwälte versammelten sich Anwält*innen, In-House-Counsel, Datenschutzexpert*innen und Tech-Expert*innen, um sich über aktuelle IT-rechtliche Themen aus der Praxis auszutauschen.
Tech-Recht trifft Female Empowerment
Der IT Juristinnentag hat sich inzwischen als feste Plattform etabliert: Ein Raum, in dem der fachliche Diskurs, der Austausch und das Netzwerken von und mit IT-Juristinnen (w/d/m) im Mittelpunkt stehen.
Wer starre Vorträge und steife Monologe erwartet hatte, wurde schnell eines Besseren belehrt. Das interaktive Barcamp-Format sorgte von der ersten Minute an für eine Dynamik, die ansteckend war.
Ob etablierte Partner*in, Inhouse-Counsel oder Tech-Spezialist*in: In den Keynotes und Sessions wurden nicht nur theoretische Paragrafen gewälzt, sondern brandneue Entwicklungen der digitalen Welt diskutiert. Was mich neben den fachlichen Themen besonders inspiriert hat, war die Offenheit der Speakerinnen über ihre Erfahrungen und persönlichen Perspektiven aus der Praxis– inklusive der Hürden, die es im Rechts- und Tech-Alltag zu meistern gilt.
Die Sessions 2026 – Praxisrelevante Deep Dives
Wie jedes Jahr bot der IT Juristinnentag ein breites Spektrum an praxisrelevanten Themen rund um das IT-Recht.
Auftakt und Abschluss boten die Keynotes von Carolin Loy (Bereichsleitung Digitalwirtschaft und Rechtsfragen Künstlicher Intelligenz & Pressesprecherin beim Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht) und Dr. Clarissa Freundorfer (ehem. Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn AG für Baden-Württemberg), die Einblick in ihre Karrierewege und ihre Erkenntnisse daraus teilten.
Neben diesen spannenden Keynotes, gestalteten die Teilnehmerinnen das BarCamp mit zahlreichen spannenden Sessions. Zu den diskutierten Themen gehörten:
Alle Sessions und Referentinnen
- KI rechtsicher einsetzten – Janina Winz LL.M. & Nicole Berenke Zanon CIPP/E
- Anwältinnen in der Verantwortung – Rechtspopulismus, Erstarken rechtsextremer Kräfte“ – Stephanie Beyrich
- Transparenzpflichten, Art. 50 KI-VO – Marlene Schreiber
- KI in der Ausbildung & über die Altersgrenzen – Linda Schwarzlose, Caroline Glasmacher LL.M. & Janina Winz LL.M.
- Your keys, your coins? – Diana Nadeborn
- KI-generierte Mandantenunterlagen – Joselyne Ntikahavuye
- Transkription von Videokonferenzen – Carolin Loy
- DSGVO, KI-VO, Data Act, … Welches Risiko gibt es wirklich – Eljalill Tauschinsky
- Neurodivergenz am Arbeitsplatz – ADHS/Autismus/Hochbegabung – Nina Diercks M.Litt.
- Shared Services: AV, JCA oder getrennte Verantwortung? – Dr. Kristina Schreiber
- Digitale Souveränität“ – Nicole Beranek Zanon CIPP/E
- Verhandlungsstrategie bei schmutzigen Vertragsklauseln mit IT-Anbietern – Corinna Stubenvoll
- IT-Sicherheitsrecht (NIS2, BSIG, CRA) – Paulina Pfeiffer
- Invententarisierung im intern. Konzernkontext: Wie räumt man auf? (inkl. Schatten-KI) – Dr. Johanna Kirschnick & Nina Diercks M.Litt.
- KI-Risiken im IT-Einkauf – Kira Raguse
- Verhandlungsstrategie bei schmutzigen Vertragsklauseln mit IT-Anbietern – Corinna Staubvoll
- Virale gegangene Person – Verwendung zu Werbezwecken (Sales Guy) – Cornelia Mattig
- USA-Datentransfer – Mandanten und Geschäftsführung die Angst nehmen – Didiane Avokpo
- Sexroboter – rechtliche und ethische Implikation – Iris Phan
- Blockiert Deine Geschichte Deinen Erfolg? – Liane Allmann
- Weisung des AG in AVV an AN – Anna Cardillo
Mehr Infos zu den Sessions unserer HÄRTING-Kolleginnen ↓
Mein Highlight: Austausch auf Augenhöhe
Highlights waren die vielen guten Gespräche auf Augenhöhe und der offene Austausch mit so vielen interessanten Menschen in den Pausen und Sessions. Hier gab es keine Barrieren zwischen „Berufserfahren“ und „Newcomer“.
Die fachlichen und persönlichen Impulse dieses Tages haben nicht nur meinen Horizont erweitert, sondern werden mich und meine tägliche Arbeit im IT-Recht sicherlich noch eine ganze Weile begleiten. Ein riesiges Dankeschön an die Organisatorinnen und alle Beteiligten für diesen kraftvollen Tag!
Ihr wollt beim nächsten IT Juristinnentag in Hamburg dabei sein?
Nach dem erfolgreichen 7. IT Juristinnentag freuen wir uns bereits auf das nächste Jahr! Interessierte können sich schon jetzt unverbindlich vormerken lassen – einfach eine E-Mail an events@haerting.de senden! Oder meldet euch bei unserem Newsletter an und folgt Marlene Schreiber auf LinkedIn, um rechtzeitig über den Termin und weitere Details informiert zu werden.
Eindrücke vom 7. IT Juristinnentag
HÄRTING vor Ort – Insights aus den Sessions unserer HÄRTING-Kolleginnen
Wie jedes Jahr waren auch Kolleginnen von HÄRTING mit eigenen Beiträgen vertreten. Dieses Mal haben Marlene Schreiber, Nicole Beranek Zanon, Cornelia Mattig, Corinna Staubvoll, Joselyne Ntikahavuye und Didiane Avokpo die Sessionrunden verstärkt.
Unsere HÄRTING-Sessions im Überblick
- Transparenzpflichten, Art. 50 KI-VO – Marlene Schreiber
- Digitale Souveränität – Nicole Beranek Zanon
- Virale Inhalte zu Werbezwecken – Cornelia Mattig
- KI-generierte Mandantenunterlagen – Joselyne Ntikahavuye
- Verhandlungsstrategie bei IT-Verträgen – Corinna Staubvoll
- USA-Datentransfer – Didiane Avokpo
Transparenzpflichten, Art. 50 KI-VO – Marlene Schreiber
Seit August 2026 gelten die meisten der Transparenzpflichten aus Art. 50 der KI-Verordnung („KI-VO“ oder auch „AI Act“). Unternehmen stehen vor der Frage, wie KI generierte oder manipulierte Inhalte im Netzt rechtsicher zu kennzeichnen sind.
Neben der Frage der praktischen Umsetzung wurde in dieser Session insbesondere das Thema „Deepfakes“ diskutiert. Welche konkreten Inhalte fallen unter die Definition eines Deepfakes, und ab wann müssen Betreiber aktiv werden? Die rechtliche Einordnung wirft v.a. im digitalen Handel und bei Werbe- und Medienagenturen Fragen auf und sorgt für Diskussionsstoff: Erfüllt ein fotorealistisches, aber vollständig vom Computer generiertes Model, das Kleidung in einem Onlineshop präsentiert, bereits den Tatbestand eines Deepfakes? Wie lässt sich die geforderte Transparenz im Shop-Design so realisieren, dass Verbraucher klar informiert werden, ohne das Einkaufserlebnis zu stören? Und wie reagiert die Praxis darauf, dass die Zahl von echten Deepfakes und damit einhergehenden Persönlichkeitsrechtsverletzungen rasant zunimmt, während deren Verfolgung und Beseitigung im Netz rechtlich wie technisch extrem schwer zu bewältigen ist?
Die Teilnehmerinnen analysierten die neuen regulatorischen Leitplanken, die von der EU Kommission veröffentlichten Leitlinien und diskutierten, wie Marken Compliance und Design im E-Commerce künftig vereinbaren können.
Digitale Souveränität“ – Nicole Beranek Zanon CIPP/E
Die fortschreitende digitale Souveränität rückt die Themen Business-Kontinuität und IT-Resilienz immer stärker in den Fokus. Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, wie Behörden und Unternehmen ihren Betrieb aufrechterhalten können, falls ein externer Anbieter oder dessen Regierung einen „Kill Switch“ betätigt.
Die Teilnehmerinnen analysierten den Status quo der technologischen Selbstbestimmung und zeigten auf, welche Bausteine für eine lückenlose Absicherung der gesamten Infrastruktur noch fehlen. Um diese Lücken zu schließen, braucht es primär heimische Innovationen und finanzielle Zusagen innerhalb Europas. Das gesamte Panel plädierte dafür, keine Zeit mehr zu verlieren und ab sofort alternative Lösungswege zu prüfen und umzusetzen.
Virale gegangene Person – Verwendung zu Werbezwecken (Sales Guy) – Cornelia Mattig
Was passiert, wenn eine Privatperson im Netz plötzlich über Nacht viral geht und Unternehmen das Bildmaterial ungefragt für ihre eigenen Marketingkampagnen nutzen? Genau dieser hochaktuellen Fragestellung widmete sich die Session rund um den bekannten „Sales Guy“.
In der Diskussion wurden die juristischen Leitplanken an der Schnittstelle von Urheber-, Marken- und Medienrecht beleuchtet und zentrale Fragestellungen diskutiert, die Markenverantwortliche wie auch Betroffene gleichermaßen beschäftigen:
Welche effektiven Abwehrmöglichkeiten stehen Personen zu, deren Persönlichkeitsrechte durch eine ungewollte virale Verbreitung verletzt werden? Unter welchen Voraussetzungen ist eine nachträgliche oder präventive kommerzielle Nutzung zulässig? Wie genau bemisst sich die angemessene Vergütung für die Verwendung solcher Abbildungen zu Werbezwecken im Ernstfall? Die Sessionteilnehmerinnen nutzten den Raum für einen intensiven Erfahrungsaustausch und erarbeiteten praxisnahe Lösungsansätze für den rechtssicheren Umgang mit viralem Content.
KI-generierte Mandantenunterlagen – Joselyne Ntikahavuye
Die Justiz schlägt Alarm: Aktuelle Debatten der Verwaltungsgerichtsbarkeit zeigen, dass ungeprüfte, seitenlange KI-Schriftsätze und halluzinierte Urteile die Gerichte zunehmend blockieren. Leider betrifft das Problem nicht nur die Gerichte, sondern fängt schon viel früher in der Kanzleipraxis an. In dieser Session setzten sich die Teilnehmerinnen mit zwei Aspekten, dem Umgang mit Mandantinnen und Mandanten auf der einen und den eigenen internen Umgang mit KI-Texten auf der anderen Seite.
Die Praxis zeigt, dass gut gemeinte, seitenlange KI-Ausführungen von Mandanten oder Inhouse-Abteilungen oft das Gegenteil von Effizienz bewirken und warf zentrale Fragen auf:
Wie überzeugt man Mandantinnen und Mandanten sowie Inhouse-Geschäftsführungen davon, dass KI-generierte rechtliche Analysen durch Halluzinationen oder verfehlte Rechtsnormen oft nur kostspieligen Mehraufwand bei der Überprüfung verursachen? Wie etabliert man einen Dialog, damit KI stattdessen gezielt und sinnvoll nur für die prägnante Zusammenfassung von Sachverhalten und Tatsachen genutzt wird? Und wie reagiert die Anwaltschaft intern? Die Teilnehmerinnen tauschten sich intensiv über Kommunikationsstrategien und Best Practices aus, um die Mandatsarbeit im KI-Zeitalter rechtssicher und effizient zu gestalten.
Verhandlungsstrategie bei schmutzigen Vertragsklauseln mit IT-Anbietern – Corinna Staubvoll
Das Thema brennt vielen Kolleginnen in der Praxis unter den Nägeln: In Vertragsverhandlungen mit großen IT-Anbietern stößt man allzu oft auf starre Klauseln und ein hartes „Das ist nicht verhandelbar“. In dieser Session wurde aufgezeigt, wie man solche Blockaden im Verhandlungsprozess erfolgreich auflöst, ohne den eigenen rechtlichen Standpunkt aufgeben zu müssen. Besonders wertvoll war dabei der direkte Schlagabtausch, da in der Runde sowohl die Anbieter- als auch die Kundenseite vertreten waren.
Die Diskussion machte deutlich, dass stures Beharren selten zum Ziel führt, und warf zentrale Fragen für eine erfolgreiche Verhandlungsführung auf:
Wie bricht man ein dogmatisches „Nein“ der Gegenseite auf und erzielt durch gezieltes, strategisches Nachfragen echtes Verständnis für die eigene Risikoposition? Wie bewegt man sich weg von Aggression und hin zu einer Art „Coaching-Ansatz“? Und wie gelingt es, trotz taktischer Kniffe absolut authentisch zu bleiben?
USA-Datentransfer – Mandanten und Geschäftsführung die Angst nehmen – Didiane Avokpo
Die jüngste Entscheidung des US Supreme Court (Trump v. Slaughter) hat das Fundament des EU-US Data Privacy Framework (DPF) erschüttert und löst große Verunsicherung aus in den Chefetagen. In dieser Session widmete sich die Teilnehmerinnen der zentralen Frage, wie man Mandanten und der Geschäftsführung in diesem unruhigen Fahrwasser die Angst nimmt.
In der Session zeigte sich, wie faszinierend unterschiedlich die verschiedenen Akteure an das Thema Transfer Impact Assessments (TIAs) herangehen und warf fundamentale Praxisfragen auf:
Wie betreiben Juristinnen im Unternehmen Schadensbegrenzung? Vor welchen Haftungsrisiken müssen externe Datenschutzbeauftragte ihre Mandanten jetzt proaktiv schützen? Und was hat es in diesem Kontext mit den neuen Rechenzentren in Europa zu tun – „kaufen“ sich US-Tech-Riesen damit tatsächlich rechtliche Sicherheit für europäische Daten, oder bleibt das US-Zugriffsrisiko dennoch bestehen? Die Teilnehmerinnen nutzten die Session für eine intensive Debatte über pragmatische Notfallpläne für den transatlantischen Datenverkehr.